Wenn Du Dich über Autos unterhältst – egal ob beim Quartett-Spielen früher oder beim Autokauf heute – welche Frage fällt zuerst? "Und, wie viel PS hat der?" Niemand fragt: "Wie viel Kilowatt leistet der denn?"
Dabei ist das eigentlich verrückt. Denn die Einheit PS (Pferdestärke) ist in Deutschland seit 1978 (!) offiziell abgeschafft. In der Physik und in Fahrzeugscheinen ist das Kilowatt (kW) längst der gesetzliche Standard.
Warum hält sich das "Pferd" trotzdem so hartnäckig in unseren Köpfen? Warum weigern wir uns kollektiv, in kW zu denken? Die Antwort ist eine Mischung aus Marketing, Psychologie und einem cleveren Schotten.
Um zu verstehen, warum wir PS lieben, müssen wir zurück zu James Watt. Der Erfinder wollte im 18. Jahrhundert seine neuen Dampfmaschinen an Grubenbesitzer verkaufen. Die nutzten damals aber echte Pferde, um Lasten aus den Bergwerken zu ziehen. Um den skeptischen Kunden zu beweisen, wie stark seine Maschine ist, brauchte Watt einen Vergleich, den jeder Bauer verstand.
Er berechnete (sehr grob), wie viel Kohle ein Grubenpferd in einer bestimmten Zeit hochziehen kann. Die Formel: 1 PS = 75 kg in einer Sekunde einen Meter hochheben.
Das war damals schon ein reiner Marketing-Stunt. Watt rundete die Zahlen großzügig auf, damit seine Maschinen noch stärker wirkten. PS war also von Anfang an eine "Verkaufs-Einheit".
Kommen wir ins Heute. Warum sagen wir immer noch "100 PS" statt "73 kW"? Ganz einfach: PS klingt nach mehr.
Autos sind emotionale Produkte. Wir wollen Kraft, Geschwindigkeit und Dynamik. Der Umrechnungsfaktor spielt uns dabei in die Hände:
1 kW ≈ 1,36 PS
Das bedeutet, der PS-Wert ist immer um ca. 36 % höher als der kW-Wert.
Unser Gehirn mag große Zahlen. "Mehr" fühlt sich automatisch nach "besser" an. Solange Autohersteller Autos verkaufen wollen, werden sie (im Kleingedruckten oder im Verkaufsgespräch) immer die PS-Zahl nennen, weil sie das Produkt stärker erscheinen lässt.
Rechtlich ist die Sache klar: In offiziellen Dokumenten und in der Werbung muss in der EU primär die kW-Angabe stehen. Die PS-Angabe ist nur noch als "zusätzliche Information" erlaubt. Deshalb steht in Prospekten oft groß die kW-Zahl und dahinter klein in Klammern die PS. Aber am Stammtisch und im Autohaus gilt kein Gesetz – da regiert die Gewohnheit. Da wir alle mit PS aufgewachsen sind (unsere Eltern und Großeltern haben es schon benutzt), geben wir diese "Sprache" an die nächste Generation weiter.
Falls Du gerne US-Car-Shows schaust oder amerikanische Auto-Blogs liest, ist Dir vielleicht schon aufgefallen: Dort ist immer von HP (Horsepower) die Rede. Viele denken, das sei einfach die englische Übersetzung für PS. Falsch gedacht! Hier gibt es einen feinen physikalischen Unterschied.
Daher gilt: Ein "britisches Pferd" ist minimal stärker als ein deutsches. 1 HP entspricht etwa 1,014 PS.
Bei einem Kleinwagen merkst Du das nicht, aber bei einem amerikanischen Muscle Car mit 500 HP sind das umgerechnet schon 507 PS. Wenn Du also mit US-Daten prahlen willst: Rechne immer noch ein kleines bisschen drauf!
Es gibt eine interessante Entwicklung: Bei Elektroautos bröckelt die PS-Dominanz langsam. Warum? Weil wir im E-Auto-Zeitalter plötzlich ständig über Kilowatt reden:
Da wir uns beim Laden an "150 kW" gewöhnen, fangen viele an, auch die Motorleistung in kW zu akzeptieren. Ein Tesla oder Porsche Taycan wird oft schon ganz selbstverständlich mit seinen kW-Werten diskutiert.
Besonders verwirrend wird es neuerdings beim Blick in die Papiere. Vielleicht hast Du Dir einen Stromer gekauft, der laut Werbung stolze 300 PS (ca. 220 kW) hat. Dann schaust Du in den Fahrzeugschein (Zulassungsbescheinigung Teil I) unter Feld P.2 und fällst vom Glauben ab: Da stehen plötzlich nur 80 kW (ca. 109 PS)! Wurdest Du betrogen?
Nein, hier greift eine bürokratische Besonderheit.
Im Fahrzeugschein muss gesetzlich die (niedrigere) Dauerleistung stehen, im Verkaufsprospekt steht natürlich die (imposante) Peak-Leistung. Lass Dich also vom "Papier-Wert" nicht täuschen – an der Ampel zählt der Peak!
Bis sich das Kilowatt endgültig durchsetzt, musst Du wahrscheinlich weiterhin im Kopf umrechnen, wenn der Fahrzeugschein "kW" sagt, aber Dein Kumpel "PS" wissen will.
Die Faustformel für den Kopf: kW-Wert mal 1,33 (oder einfach: plus ein Drittel).
Du willst es ganz genau wissen? Spar Dir das Kopfrechnen und nutze den kW-PS-Umrechner. Da kannst Du natürlich auch PS zurück in kW rechnen, falls Du mal ganz modern sein willst!
Die "Pferdestärke" ist eine uralte, physikalisch ungenaue Marketing-Erfindung – aber wir lieben sie, weil sie unsere Autos stärker klingen lässt. Es ist eine der wenigen Situationen, in denen wir uns kollektiv weigern, das logischere metrische System zu nutzen. Und sind wir ehrlich: "Kraftfahrzeugstärke" klingt auch einfach nicht so cool wie "Pferdestärke".
Alle Angaben und Berechnungen ohne Gewähr.